NORDWIND FESTIVAL: Maxim Gorkis Nachtasyl

By 2013/12/11Kultur

Nachtasyl

Wie beim letzten Abendmahl waren die Protagonisten des litauischen Gasttheaters versammelt an einer langen Tafel, der sich im Laufe des Stücks nach und nach nicht mit Leckereien, aber dafür mit Wodkaflaschen füllte.

Nachtasyl von Maxim Gorki, das letzten Samstag im Rahmen des Nordwind Festivals im HAU2 aufgeführt wurde, erzählt die Geschichten von suchenden, verlorenen und gescheiterten Existenzen. In Oskaras Koršunovas Inszenierung reduziert sich das Bühnenbild dabei auf einen einfachen weißen Tisch, sowie einen Diaprojektor, der vermutlich litauische Landschaften an den schwarzen Bühnenvorhang wirf;  die Schauspieler agieren anfangs eher wie in einer Lesung, als in einem klassischen Theaterstück.

Zu Beginn weißt uns der am zentralsten sitzende Herr mittleren Alters darauf hin unsere Mobiltelefone auszuschalten und fast ohne Punkt und Komma leitet er damit in die Geschichte ein und da die Übertitel des in litauisch aufgeführten Werks leicht zeitverzögert am oberen Teil des Bühnenvorhangs projiziert werden, wird uns – den Zuschauern – erst nach ein paar Sätzen bewusst, dass wir uns nun bereits mitten in der Handlung befinden.

Die klassischen und doch noch immer zeitgemäßen Fragen über Liebe, Glaube, Religion und Sein werden im Laufe des Stückes überwiegend durch epische Monologe und zeitweise auch durch streitbestimmte Dialoge behandelt und je weiter das Stück voran schreitet, desto mehr verwandelt sich die zu Anfangs geglaubte Lesung in eine rasante Performance.

Was zuerst mit eher harmlosen Neckereien zwischen den unterschiedlichen Charakteren beginnt, geht bald über in handfeste Auseinandersetzungen. Und dabei spielt uns Zuschauern die Sprachbarriere wiederholt einen Streich, denn erste Unsicherheiten kommen auf: Ist das nun noch immer ein Spiel oder gehen sich die offensichtlich stark angetrunkenen Menschen dort vor uns gleich wirklich gegenseitig an die Gurgel? So unkontrolliert wirken die Schauspieler, die sich offensichtlich in ihren Rollen problemlos gehen lassen können.

Zwischendurch werden wilde Tänze aufgeführt, die durch den etwas zu kleinen Bühnenraum des HAUs nicht immer glimpflich ausgehen können; und es wird Wodka verteilt, eine Menge Wodka. Als wäre die farblose Spirituose das einzige in dieser unglückseligen Welt, das nicht der uns allen unvermeidbaren Vergänglichkeit unterläge. Und als sich nach etwa der Hälfte der Spieldauer der Tatar an den linken Bühnenrand begibt um von nun an das Hintergrundgeräusch mit seinen Gebeten zu füllen, weiß man, dass sich die zutiefst pessimistische Wirkung des Stücks nicht mehr in Wohlgefallen auflösen wird.

Das Ende ist – wie bereits nicht mehr anders erwartet – dramatisch, aber führt uns mittlerweile völlig irritierte Zuschauer gerade dadurch wieder langsam zurück in die Realität. Die Standing Ovations halten sich im natürlichen Rahmen, aber solch schwerer Stoff möchte auch erst verdaut werden und über eins sind sich wohl alle einig: die litauischen Schauspieler beherrschen ihr Handwerk durch und durch. Das konnte man nicht zuletzt an den erblassten Gesichtern des ein oder anderen Gasts beim Verlassen des Theatersaals erkennen.

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