Hach, es ist Winter, man ist temperaturbedingt so eingeschränkt und ich weiß nicht wie es anderen damit geht, aber ich verspüre kurz nach Weihnachten immer einen vermehrten Drang nach kulturellem Input und das trifft sich jedes Jahr ganz gut mit dem transmediale-Festival.

Gestern war die Eröffnung der CAPTURE ALL Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt und es ist schon eine kleine Tradition von mir geworden dort hinzugehen, auch wenn ich diese Tradition letztes Jahr schon fast abbrechen lassen wollte, nachdem ich wiederholt von dem mittlerweile sehr populärem Medienfestival enttäuscht wurde. Der Science-Fiction-Schriftsteller Bruce Sterling hat mich letztes Jahr gelockt und gerettet und unverhofft landete ich auf genau der transmediale, die ich mir immer gewünscht hatte. Grandioser Keynote-Speaker, interessant kuratierte Ausstellung und gut verständliches Ausstellungskonzept.

Überblick

Dieses Jahr ist die transmediale – die sich mittlerweile nicht mehr nur mit Zukunftsprognosen unseres technischen Zeitalters auseinander setzt, sondern sich thematisch zunehmend gerne in der Gegenwart unserer Gesellschaft aufhält – in dieser Entwicklung wieder ein paar Schritte zurückgegangen. Die Ausstellung war überschaubar, was ja nichts Schlechtes heißen muss, aber zu meiner und auch vieler anderer Enttäuschung gab es weder ein keines Handout, noch Beschreibungen vor Ort zu den einzelnen Kunstprojekten, noch irgendwo aufzufindende Künstler, die vielleicht zu ihren Projekten Stellung nehmen können. Statt alles zu erfassen, fand man sich daher eher orientierungslos unter vielen Werken, zu denen man ohne Künstler in Person und Erklärung einfach keinen Zugang fand und so brodelte in der Stimmen der vorbeiziehenden Besucher des Öfteren ein verwirrtes „I just don’t get it!“.

Sollte so ein Festival denn nicht dem Austausch dienen? Wenn Kunst sich mit Themen auseinandersetzt, die jeden einzelnen in unserer Gesellschaft betreffen, dann finde ich sollte das geschehen indem man eine gemeinsame Diskussionsplattform generiert. Zumindest ein, zwei einleitende Sätze und mein Kopfkino beginnt zu rattern, das würde doch schon reichen. Ein bisschen Ausstellungskonzept, liebe transmediale-Organisatoren und vielleicht endlich eine user-orientierte Website, das wünsch ich mir von euch.

 

Thematik

Anyway, die Thematik ist dieses Jahr mal mehr als berechtigt. Kurz gefasst: Unsere Daten werden fleißig gesammelt, nicht nur von der bösen NSA oder anderen Geheimdiensten, sondern vorallem – und das auch noch auf freiwilliger Basis – von einschlägigen Onlineunternehmen, die unseren Alltag erleichtern sollen.

––– Vor kurzem bekam ich von einem amerikanischen Bekannten den Tipp, mich mehr in sozialen Netzwerken zu präsentieren, um meine beruflichen Chancen zu verbessern. – Ich twittere, bin auf Facebook und blogge noch dazu. Warum denn noch mehr? – Es würde Aufmerksamkeit auf meine Arbeit bringen: Einmal pro Monat einen Artikel auf Medium, meine Projekte auf Plattformen wie dribbble und Behance stellen und dann auf jeden Fall noch viel mehr twittern und am besten noch eine Facebook-Fanpage. ––– So läuft das heutzutage nämlich.

Aber abgesehen davon, dass ich denke ein professionelles Netzwerk mit Link zu meinem Blog und mein Portfolio sollte ja reichen, möchten all diese Dienste in Form von Internetplattformen und Apps dafür möglichst all meine Daten zu Anmeldung, am besten gleich Zugriff auf mein komplettes Facebook-Profil. In Amerika ist es üblich sein Facebook-Profil von vornherein komplett öffentlich zu stellen. Nur noch so findet man eine Wohnung oder gar einen Job. Uns wird suggeriert all diese Dienste wären kostenlos, dabei ist uns gar nicht bewusst, dass wir mit etwas viel wertvollerem als Geld bezahlen, nämlich mit unseren Informationen und somit mit unserer Identität. Selbst die letztes Jahr kurzfristig so hochgelobte Facebook-Alternative Ello schockierte bereits nach wenigen Tagen damit, es zumindest nicht auszuschließen, die Daten seiner User irgendwann an Dritte zu verkaufen. Denn genau so finanzieren sich diese kostenlosen Anwendungen nämlich. Nur leider wird das nicht wirklich kommuniziert. Vorallem uns Deutschen, mit Stasigeschichte, stößt es bei dem Gedanken nicht einfach nur einmal kurz auf. Aber wir versuchen das alles trotzdem zu ignorieren, immerhin erleichtern uns diese ganzen To-Do-Listen- und Fotoretusche-Apps ja täglich das Leben. Wie sehr sie uns einschränken und in Muster und Raster pressen ist uns oft nicht bewusst.

Ausgewählte Arbeiten

So reagiert der amerikanische Künstler und Theoretiker Zach Blas beispielsweise mit seinen „Face Cages“. Seine Gesichtskäfige wirken wie edler Schmuck. Die feinen silbernen gesichtstraking-ähnlichen Masken passen sich aber nicht dem Individuum an, sondern das Individuum muss sich ihnen anpassen, tut es das nicht, so muss es an den Schmerzen leiden, die der Käfig durch Drücken und Enge verursacht. Sie sollen die Brutalität der Schematisierung durch algorithmischen Optimierung wiederspiegeln.

Die beiden Künstler Salvatore Iaconesi und Oriana Persico gehen sogar so weit, ein Orakel namens „Stakhanov“ zu präsentieren. Freiwillige Konferenzteilnehmer können ihre Daten von dem sich selbst zum „Gott“ ernannten Instrument sammeln lassen. Über ein etwas veraltetes Faxgerät spukt Stakhanov dann Zukunftsprognosen über Tätigkeiten und Beschäftigungen der Probanden aus. Und alle Besucher sammeln sich gespannt um das Faxgerät und warten fast andächtig auf die nächste Vorhersage.

Und da unsere Daten bekanntlich ja schon längst auch analog gesammelt werden, bietet Heather Dewey-Hagborg eine flüßige Substanz an, die unsere hinterlassene DNA entweder löscht oder mit einer anonymen DNA überschreibt. Das Wässerchen heißt passend „Invisible“ und durch eine klare Projektaufbereitung via Internetseite und Werbevideo, war es meiner Meinung nach das zugänglichste Projekt auf der transmediale.

Leider konnte ich die Arbeit von Jonas Lund nicht in Erfahrung bringen. Er stellte einen Audioguide zur Verfügung, mit dem man sich eine nicht-realisierte Ausstellung beschreiben lassen konnte. Er versuchte die positiven Aspekte der algorithmischen Datenerfassung zu verarbeiten, indem er die letzten transmediale-Ausstellungen analysierte und kategorisierte und schuf somit die „perfekte“ Ausstellung. Leider waren die Audioguides gerade vergriffen, als ich mir einen leihen wollte. Dafür stolpert man immer wieder über die Markierungen der Ausstellungsobjekte.

Persönlicher Radio-Tipp

Es lohnt sich schon immer auf die transmediale zu gehen, aber zu oft muss man sich die Kernaussage mühsam erkämpfen und ich beobachte immer wieder viele Menschen, die frustriert das Gebäude verlassen. Es lohnt sich auf jeden Fall sich vorher einwenig einzuarbeiten.

Momentan beschäftigt sich BR2 innerhalb seines Programms „Nachtstudio“ in der Serie „Wildes Denken“ mit ähnlichen Problematiken, beispielsweise dem Fakt, dass das Internet sich an mehr aus unserem Leben erinnern kann, als wir selbst (Das süße Gift des Vergessens). Außerdem brachte selbiger heute auch einen interessanten Beitrag zur gestrigen Ausstellungseröffnung, den man online noch anhören kann.

 

Festival Infos

Das transmediale Festival geht noch bis 1.2.2015. Neben der Ausstellung gibt es wie jedes Jahr auch eine Konferenz und man sollte auch den parallel laufenden transmediale club, der sich im speziellen mit elektronischer Musik und Live Performances auszeichnet nicht ganz außer acht lassen.

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