Ich sitze gerade auf einer fremden Couch in einer fremden Wohnung. Ganz alleine, nur ein rot-weißer Kater leistet mir Gesellschaft – der Berliner würde ihn vermutlich als „Kater Schranke“ beschreiben. In Wirklichkeit heißt er Bruno.

Die kommenden Tage passe ich auf Bruno auf. Seine Katzenmama ist übers Wochenende im Grünen und da ich nur um die Ecke wohne und innigste Katzenliebhaberin bin, sitze ich nun hier. Eigentlich liege ich schon, ich habe es mir nämlich gemütlich gemacht auf der fremden Couch. Bruno und ich haben soeben zu Abend gegessen und nun hängen wir faul rum. So.

An Bruno und mir gibt es aber auch noch etwas Besonderes – außer dem gemeinsamen faul rumliegen natürlich. Seine Katzenmama und ich kennen uns nämlich nur ganz flüchtig von der Straße. Wir sind zwar seit Jahren Nachbarn, aber hatten bis vor Kurzem so gut wie nichts miteinander zu tun. Seit ca. zwei Monaten haben wir aber eine Gemeinsamkeit: Wir kämpfen beide für unseren Gemüsehändler Bizim Bakkal, den ich von hier aus vom Balkon sehen kann. Seit zwei Monaten gehen wir jeden Mittwoch auf die Straße und stehen zusammen für den Erhalt unserer Nachbarschaft ein. Das macht man jetzt so bei uns in Kreuzberg. Das gehört seit neuestem zum guten Ton.

Ein wenig fühlt man sich so, wie man sich die späten 80er in Berlin vorstellt. Aber irgendwie ist es auch ganz besonders anders. Ganz eigen. Wir – wir sind nämlich nicht nur Gemüse, wie es die Presse gerne formuliert – wir sind auch viele und zwar ganz schön viele unterschiedliche. Dieser Protest ist nicht nur für die sogenannten »Berufsdemonstranten« – die »üblichen Verdächtigen« wurden sie auch letztens unbedacht betitelt. Hier in unserem Kiez treffen sich seit ein paar Wochen einfach alle. Alle, die in diesem Kiez wohnen und alle, die das Thema Gentrifizierung im Besonderen in Kreuzberg interessiert.

Wenn wir uns einmal pro Woche vor der Wrangelstrasse 77 treffen, dann tanzt der betrunkene Obdachlose mit der Omi von neben an; der türkische Kioskbesitzer gibt dem Mädchen aus dem tiefsten Bayern einen Raki-Cocktail aus; der Autonome diskutiert mit dem frischgebackenen Familienvater über Konventionen; der Agenturchef gibt hilflosen betroffenen Wohnungsbesitzerinnen Marketing-Tipps für ihre eigene Kampagne gegen Entmietung und die Künstlerin verteilt Zitronen-Postkarten an Kinder, die diese sogleich weiterverschachern und damit zu einer gefüllten Spendendose beitragen. Und diese Geschichten und ungewöhnlichen Zusammenkünfte gehen endlos so weiter.

Jeder Mittwoch wird unter ein eigenes Thema gestellt und beinhaltet nicht nur viel Information zur Sachlage im Kiez. Mittlerweile haben wir einige Experten zum Thema Verdrängung sprechen hören. Die Kiezbewohner können beim Open Mic ihre eigenen Geschichten formulieren und im Forum stellen sich Initiativen aus dem Kiez oder zum Thema Verdrängung vor.

Danach wird gefeiert: Bereits zwei tolle Abende mit Lesungen wurden von unseren Nachbarn gestaltet. Wir picknicken zusammen, hören Musik und laden Bands ein, wir gehen gemeinsam durch den Kiez spazieren und tanzen zu türkischen Klängen. Nebenbei treffen wir uns in unseren AGs. Und wenn es schon langsam um uns herum leiser wird und die Polizei längst abgerückt ist, dann holen wir uns noch ein Bier und Falafel und stehen bis Mitternacht zusammen und beobachten, wie sich der Kiez langsam zum Schlafen legt.

Statt Krawall gibt es friedliches und produktives Zusammensein, mit lächelnden Gesichtern und offenen Türen. Vermutlich deshalb lassen die Bersucherzahlen auf den Versammlungen selbst während den Sommerferien nur leicht merklich nach.

Im ehemaligen SO36 spielen sich Szenen wider, die die Welt auch im Großen beschreiben könnten. Unser Mikrokosmos ist in den letzten Wochen Beispiel geworden dafür, was in Berlin und eigentlich auch über all anders möglich ist. Dafür, wie man sich das Miteinander wünscht und in Eigenregie selbst konstruiert. Dafür was es bedeuten kann in einer Nachbarschaft zu leben, in der keine Annonymität mehr herrscht, in der man sich von jetzt an kennt und gemeinsam seinen Lebensraum gestaltet. Wir sind nicht mehr viele unterschiedliche Einzelne, wir sind jetzt gemeinsam. Und dadurch sind wir stark geworden. Jeder bringt eigene Kompetenzen mit zum Protest. Für alle Aufträge haben wir Spezialisten, oder solche, die sich spezialisieren für die Sache. Unsere AGs sind groß geworden, an vielen Fäden ziehen wir bereits und jede Woche lernen wir dazu, justieren nach und wachsen dadurch wie von selbst. Und das ganz ohne Verdienst. Nun ja, wenn man in Verdienst nur den Kontostand betrachtet. Wir verdienen nämlich sehr viel an der Sache. Wir lernen uns kennen, lernen dazu, lernen neue Freunde kennen und alte Nachbarn. Und das macht uns viel reicher und viel wertvoller, als jeden Spekulanten auf dieser Welt.

Immobilienhaie seid gewarnt. Ihr müsst euch ab sofort mit Hunderten auseinandersetzen, wenn ihr Einzelne aus ihren Wohnungen verdrängen wollt.

Und so sitze ich hier, auf dieser fremden Couch, und lausche den abendlichen Geräuschen der Straße durch die offene Balkontür dieser fremden Wohnung, die sich doch irgendwie heimelig anfühlt. Wohlwissend, dass ich hier angekommen und ein Teil von etwa Großem geworden bin. Bruno scheint das irgendwie auch so zu sehen.

Leave a Reply