Gestern Abend fand die 3. FuckUp Night Berlins statt. Das Konzept der Veranstaltungsreihe kommt ursprünglich aus Mexiko. Menschen erzählen in Vorträgen von ihrem Erfolg und ihrem Scheitern. Die Geschichten kommen aus ihrem beruflichen und privaten Leben. Nicht selten sind dabei größere (hust) Summen an Geld im Spiel, aber auch Würde, Stolz und Familiendrama.

So wagten sich gestern drei Sprecher auf die Bühne (vor wohlgemerkt über 200 Zuschauern), zwei von ihnen setzten ihr Unternehmen in den Sand, einer seinen Lebenstraum. Sie legten offen, was schief gelaufen ist und welche Fehler sie begangen haben, damit es überhaupt so weit kam. Ihre Erfahrungen wollten sie teilen, damit wir daraus lernen können und es im besten Fall anders machen. Statt für ihr selbstverschuldetes Scheitern verurteilt zu werden, erhielten sie vom Publikum Standing Ovations, Respektkundgebungen und Mitgefühl. Nicht zuletzt lag das an ihrer Offenheit und Authentizität und daran, sich der vollen Verantwortung ihres Scheiterns zu stellen, auch wenn äußere Einflüsse oft nicht wenig zur Situation beigetragen haben.

 

Zu stark

Bernd Plickert, der Berlins größte Glaserei aufgebaut hat und in den 80ern und 90ern nicht nur von Deutschlands wirtschaftlicher Situation, sondern auch von den 1.-Mai-Krawallen profitierte und zwischenzeitlich sogar vom armen Schlucker zum Millionär aufgestiegen war, hatte sich schon seinen Privatjet ausgesucht, als er von seiner Profession als Glasermeister zum Immobilienmarkt wechselte. „Ich war so stark, so groß, so breit. Keine Tür war breit genug für mich.“, so seine eigenen Worte über sein damalig verhängnisvolles Selbstbild. Sein Rat an die Zuhörer: „Leihen Sie sich nie soviel Geld, wie sie können.“ Er hatte das damals gemacht und den Karren mit seiner Selbstüberschätzung und im Alleingang anständig an die Wand gefahren. Mit letzter Kraft übergab er seine Unternehmen an damals leitende Angestellte, sodass niemand seiner Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz verlor. Danach: burnout. Bis heute hat er kein Insolvenzverfahren eingeleitet. Vor allem deshalb, weil dieses in Deutschland eines der härtesten ist. Sieben Jahre lang ist man in unserem Land stillgelegt, kann weder vorwärts noch rückwärts. In England handelt es sich nur um ein Jahr und selbst die Amerikaner sagen in weit weniger Zeit als hierzulande „You fucked it up, just start again!“ Diese Regelung wollen die FuckUp Nights ins Wanken bringen, denn Scheitern ist für sie nur ein Umweg und keine Sackgasse.

In deutschen Köpfen ist Scheitern leider noch immer mit Versagen gleichgestellt. Dass man am besten aus seinen eignen Fehlern lernen kann und manchmal auf die Nase fallen muss, um im Leben weiterzukommen, will in unserer Gesellschaft nicht toleriert werden. Dabei legen erfolgreiche StartUp-Unternehmen mittlerweile sogar jährlich ein genaues Budget fest, mit dem ihre Mitarbeiter endlich mal mit Lust und Laune so richtig schön scheitern dürfen. Langsam dämmert es ihnen nämlich, dass die große Angst vor dem Scheitern die erforderliche Kreativität in einem Unternehmen einschränkt und damit kein Gewinn zu machen ist. Scheitern ist auf dem Vormarsch, Scheitern wird zum Trend.

 

www.scheiternistscheisse.de

Auch Martin B. Schultz hat das geschafft, was 75 % der Unternehmer passiert. Er ist mit seiner Firma gescheitert. Mit dem Zerplatzen der Dotcom-Blase, zerplatzte auch der Traum von seiner Live-Streaming-Firma namens BobTV. Seine Auftraggeber kamen selbst in finanzielle Bedrängnis und mussten Ballast abwerfen. Was dann geschah hört sich an wie ein schlechter Traum. Seine „dümmte Kreditbank der Welt“ sperrte ohne rechtliche Grundlage seine Konten, deren Rechtsabteilung nicht erreichbar, die unterbelichtete Stimme am Servicetelefon nicht in der Lage einen Satz vollständig durchzulesen. Eine Menge schlechter Rechts- und Steuerrat verschlimmerte die Situation unnötig, seine Insolvenz wurde dadurch zu spät eingeleitet. Sein Rat deshalb: Nicht lange rumfackeln, sondern sofort Insolvenz anmelden, sobald man das Gefühl bekommt die Situation wird sich nicht mehr bessern. Heute führt er wieder ein Unternehmen, das bisher erfolgreich läuft. Er hat aus seinen Fehlern gelernt, hört mehr auf sein gesundes Halbwissen, lässt sich Rat von Experten in schriftlicher Form geben und vermeidet zu lange Verträge mit Partnern. Er will niemandem Unternehmungen schlechtreden, sondern empfiehlt lieber zu scheitern, als Angst vor dem Träumen zu haben.

 

Multibles Scheitern

Frank Künster ist eigentlich Türsteher, begreift sich selbst aber als Künstler. Er hat nie das große Geld gemacht, aber aus seiner subjektiven Sicht stand er zumindest emotional einmal ganz oben mit seinem Traum vom großen Film, als auch dem Einstieg in einen Club, dessen Schicksal zum damaligen Zeitpunkt eigentlich schon besiegelt war. Für ihn war seine emotionale Fallhöhe hoch genug, um beim Aufprall unten nicht ohne größeren Schaden anzukommen. Auch die physische Belastung, die aus dem Scheitern entsteht, ist für ihn vor allem mit zunehmendem Alter nicht mehr so einfach wegzustecken. Aber er hat weiterhin Träume und rappelt sich immer wieder auf, um sein nächstes Ziel anzusteuern. „Scheitern ist echt eine blöde Sache“ hörten wir an dem Abend nicht nur von ihm.

 

Ohne Distanz, aber mit viel Herz

Irgendwie schafften es die Redner gestern mit viel Witz und Charme ihre Vorträge positiv und lebendig zu halten. Der Unternehmergeist ist offensichtlich keinem von ihnen verloren gegangen, trotz aller Schicksalsschläge. Alle drei hatten von Beginn an ein Talent dafür die Distanz zum Publikum zu überwinden. Wie Künster da auf den mittleren Treppenstufen der improvisierten Bühne saß und Camus zitierte; oder Plickert von seinem Verhältnis zu seiner Familie berichtete. All diese intimen Momente machten diese Menschen zu jemandem wie mir und dir. Gemeinsam litten wir mit ihnen, als sie für uns Geschichten ausrollten, die für sie nach wie vor schmerzhaft sind, die sie beschämen und ihre Fehler gnadenlos ans Tageslicht bringen. Aber genau damit gaben sie uns allen so viel Mut und Stärke zur Verwirklichung unserer eigenen Träume mit auf den Weg. Ich bin noch immer gerührt von der Herzlichkeit und Ehrlichkeit, die ich gestern auf dieser Bühne wahrgenommen habe. Danke, dass ihr eure Geschichten mit uns geteilt habt. Ihr mögt es verbockt haben, aber keiner von Euch hat dabei seine Würde verloren.

 

Leave a Reply