First We Take Berlin Vol.2 / Tag 2

By 2014/09/07Berlin, Festival, Musik

Tag zwei des First We Take Berlin. Nachdem der erste Tag schon voller guter Neuentdeckungen war, ist der Druck möglichst viel sehen zu wollen etwas abgefallen und etwas mehr entspanntes Flanieren war angesagt. Meine persönliche Wunschliste fing erst um halb acht an, deshalb ließ ich den Abend in bekannter Runde im Tante Emma starten.

SANDRA KOLSTAD 

Sandra Kolstad
Mit ihrem weißen kuttenartigen Kleid und einer Federkette im Haar wirkt die zierliche Wahlberlinerin Sandra Kolstad, die eigentlich aus Norwegen stammt wie ein flüchtiger Waldgeist hinter ihrem Keyboard. Sehr popig sanft und ruhig wirkt ihre Musik, zwischendurch kann sie aber durchaus in die Tasten hauen. Ich würde sie jetzt nicht in meine Top 5 ordnen, aber ihr kleiner leicht inszinierter Auftritt war doch ein angenehm seltsamer Auftakt in den Abend.

ADNA

Adna
Skandinavisch ging es gleich weiter im Tante Emma. Adna zupfte melancholisch ihre E-Gitarre, die farblich zu ihrem Outfit passte. Etwas verloren, vielleicht sogar nervös wirkte die Schwedin, die eigentlich eine wunderschöne Stimme hat, aber in den Pausen nur ins Mikrofon flüstert. Ein wenig fehlte ihr der Sparkle,  auf Platte ist sie aber zu verregneten Herbsttagen nicht zu verachten.

AURORA AKSNES 

Aurora Aksnes
Wir bleiben im Norden. Die 18-jährige Norwegerin Aurora Aksnes hat es mir schon zu Beginn meiner Festival-Recherche angetan und stand als eine der wichtigsten Acts für mich auf dem Programm. So jung wirkt die junge Musikerin gar nicht, man würde sie nach ein, zwei Songs zumindest in die Anfang-20er stecken und ihre Texte scheinen auch von einer älteren Seele geschrieben worden zu sein. Ganz wunderschön stand sie zentral auf der Bühne im Glashaus und freute sich darüber, dass meine Konzertbegleiterinnen und ich bei ihrer Musik in Tanzstimmung verfielen. Am Ende hätte ich sie am liebsten einmal in den Arm genommen. Wie beeindruckend, in so jungem Alter schon seine Leidenschaft entdeckt zu haben und damit hinaus in die Welt zu ziehen.

VANCOUVER SLEEP CLINIC

vancouver sleep clinic
Mit Kaum zu glauben, dass der Australier Tim Bettinson gerade erst 18 Jahre alt geworden ist … beginnt der Introtext über Vancouver Sleep Clinic auf der Festivalseite und ja, es ist wirklich kaum zu glauben. Die Musik hört sich mindestens 10 Jahre älter an, was vielleicht an der zu Bon Iver ähnlich klingenden Stimme des Sängers liegt. Jedenfalls lag die Band für uns auf der Must-have-Liste und unser Besuch bei ihnen war von Anfang an unumgänglich. Eine gute Nase hatten wir da, die jungen Australier waren das Highlight des Abends. Augen zu und abtauchen in live etwas rockigere und mehr durch Gitarren bestimmte Musik, als auf Platte zuerst gehört.

Eine der Gründe, warum ich dieses Festival so gerne mag ist, dass die Acts nicht einfach ihren Stiefel zum zigtausendsten Mal durchziehen. Teilweise stehen sie zum ersten mal in Berlin auf einer Bühne, stecken noch voller Aufregung und Freude und Neugierde. Ich mag es wenn sich Musiker in ihrer eigenen Musik verlieren und diese Momente erlebt man glücklicherweise häufiger auf diesem Festival. Und die Nähe zwischen Publikum und Künstler scheint beiden Parteien gut zu tun.

THE BARR BROTHERS

The Barr Brothers
Für experimentelle Musik und abgefahrenes Equipment bin ich ja irgendwie immer zu haben. Und da wir uns etwas festgequatscht hatten blieben wir dann für The Barr Brothers einfach gleich im Privatclub. Die folkige Musik ist vor allem durch den Einsatz der teilweise in die Jahre geratenen Instrumente bestimmt. Die Jungs und ihre Harfespielerin schienen etwas routinierter zu sein als ihre beiden Vorgänger auf unserer Liste, was einfach an mehr Bühnenerfahrung lag. Wieder angenehm ruhige Musik, mit ein paar Spitzen, zum ein- und abtauchen. Irgendwie find ich diese Art von Musik auch immer besser.

KINDNESS

kindness
Als Abschluss unserer Tour entschieden wir uns für den Abend ins Astra zu Kindness zu gehen. Der Engländer wirkte auf der Bühne mal ausnahmsweise älter, als durch sein Bild auf der Festivalseite angekündigt. Dort wurde er meines Gefühls nachs auch fast schon angepredigt und schien ein krönender Abschluss zu werden. Für meinen Geschmack coverte er einen Tick zu viel. Aber mit seiner funkigen Musik schaffte er es letztendlich trotzdem das Publikum mitzureißen und seine Band trug  großen Anteil daran.

Das war’s leider schon vom First We Take Berlin. Immer sehr schade, wenn solch wunderbar inspirierende Tage ihr Ende finden und man weiß, dass man nun ein Jahr warten muss, bis es wieder so weit ist. Das FWTB ist jedenfalls jeden Heller wert, wenn man sich nicht blind kuratieren lassen will, sondern lieber selbst die Spürnase einschaltet und Lust hat sich ein wenig mit dem Line-Up zu beschäftigen. Das Publikum in den einzelnen Clubs und Bars ist angenehm musikinteressiert und weiß was es will und die Nähe zu den Bands ermöglicht kurzes Plaudern hinterher, oder vielleicht sogar einen gemeinsamen Karaoke-Abend nach den Konzerten. Man weiß nie genau was gleich passiert, aber wenn man sich darauf einlässt kann man sich durch unterschiedlichste Musikstile treiben lassen und findet hier und dort eine kleine Perle, die die kommenden Wochen vermutlich die eigene Playlist beeinflussen wird.

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