Seit Tagen ist in der Hauptstadt Aufruhr am ehemaligen Mauerverlauf. Menschenmassen wanderten heute Abend durch die Straßen um einem großgeplanten Ereignis beizuwohnen, das seit Wochen über sämtliche soziale Medien angekündigt wurde. Eine Lichterkette, die an die innerdeutsche Grenze erinnern soll wurde aufgebaut. Am Sonntag, den 9. November 2014 sollten die Luftballons nacheinander in den Himmel gesendet werden. Man kam nicht um zu sehen wie die Mauer fiel, sondern wie sie in die Luft aufstieg.

Die Lichtergrenze

Vor genau 25 Jahren fiel die Mauer und die innerdeutsche Grenze wurde aufgelöst. Just in diesem Moment vor 25 Jahren haben tausende von Menschen zum ersten mal freie Luft geschnappt, sind über die Grenzposten gereist, ohne Visa, dafür mit Ausbürgerungsstempel im Pass und konnten teilweise zum ersten Mal in ihrem Leben westdeutschen Boden betreten ohne Gefahr zu laufen von ihrem Staat verfolgt zu werden.

8000 Luftballons standen deshalb an diesem Wochenende in kurzen Abständen zueinander entlang der ehemaligen Grenze durch Berlin. Jeder beleuchtet und im Gesamtbild nicht nur schön anzusehen, sondern vor allem emotional sehr berührend. Zwar erkennt man den Verlauf der Mauer noch fast an allen Stellen zumindest innerhalb Berlins – sei es durch Gedenktafeln, letzte Mauerstücke oder durch die Kopfsteinpflasterlinie, die sich durch die Stadt zieht – aber wenn man hier wohnt, nimmt man diese Übrigbleibsel nicht mehr jeden Tag wahr. In den letzten Tagen war das nun aber anders.

Ganz schön dreist, so viel Geld für eine Luftballonkette auszugeben, wenn wir doch momentan ganz andere Probleme in Deutschland haben

Gestern Abend war ich bei Freunden Abendessen. Ein für mich neues Gesicht stellte sich als Unterstützerin von Flüchtlingen in Moabit heraus. Über eine nachbarschaftliche Organisation hilft sie den traumatisierten Kriegsflüchtlingen Deutsch zu lernen, vermutlich lenkt sie sie für ein paar Stunden die Woche von ihrem Leid und ihren schrecklichen Erlebnissen ab, zeigt ihnen, dass sie hier willkommen sind und das sie Hilfe erwarten dürfen. Eine wirklich beeindruckende Sache. Sie warf gestern den Gedanken in die Runde, ob es denn gerechtfertigt wäre so eine große Lichterkette für so viel Geld aufzubauen, an denen die Bürger ja auch eigentlich nur kurze Zeit Freude haben, wo das Geld doch viel dringender an akuten Brennpunkten gebraucht würde. Eine kleine Diskussion entfachte sich am Tisch. Das Volk brauche auch Anlässe zum Feiern – Aber das könne man doch nicht in Krisenzeiten tun – Irgendwie wird es doch immer jemanden auf der Welt geben, dem es schlechter geht als uns, müsse man deshalb auf jegliche Festlichkeit verzichten? Eine Weile ging es ganz schön hitzig zu am Tisch. Irgendwann kam man auf die Idee doch die Lichterkette sozialkritisch umzuwandeln. Man könnte beispielsweise durch die deutsche Geschichte auf die akute Problematik der Flüchtlingspolitik aufmerksam machen, dafür benötige das Projekt aber etwas mehr Inhalt als es momentan hat.

Gestern Abend konnten wir zwar keinen grünen Zweig mehr finden, oder vielmehr keine Lösung für das Problem, aber was die Diskussion zumindest bei mir ausgelöst hat war stundenlanges Grübeln im Anschluss. Ich war zwar nur Zuhörer zwischen den Parteien, aber das Gespräch hat mich nicht mehr losgelassen. – Ja, ist es denn jetzt ok so ein großes Projekt, das eigentlich keinen konkreten Nutzen hat zu unterstützen und sich darüber zu freuen, oder nicht? Heute morgen wachte ich auf und kam für mich zu dem Entschluss, dass das Projekt so wie es ist gut ist. Nach 25 Jahren darf man etwas Leichtigkeit in dieses Jubiläum bringen. Die Geste der Ballons ist wunderschön und sehr poetisch und ich glaube nicht, dass man dem Projekt nun noch eine zweite Bedeutung aufzwingen muss, damit es gerechtfertigter wird.

Ich glaube stattdessen viel mehr, dass wir Flüchtlinge zu solchen Festen aktiv einladen sollten. Wir sollten diese Feste gemeinsam mit ihnen feiern und damit eine Verbindung zwischen uns und dem Fremden schaffen, sodass wir uns am Ende eben nicht mehr ganz so fremd sind. Vielmehr sogar eine Gemeinsamkeit haben und zusammen Erinnerungen  geschafft haben. Der Fall der Mauer ist nicht nur ein geschichtliches Ereignis, dem wir gedenken sollten, es ist auch ein Hoffnungsschimmer, das selbst in auswegsloserscheinenden Momenten manchmal ein kleiner Satz oder eine kleine Geste ein ganzes Land verändern kann.

Und war’s dann auch so beeindruckend wie angekündigt?

Ich wusste schon im Vorhinein, dass die schön leuchtenden Ballons ohne Lichtquelle in den Himmel entlassen werden. Sprich ich war nicht enttäuscht, als die Ballons innerhalb weniger Sekunden in der Dunkelheit verschwunden waren – das schon mal vorweg. Ein wenig skeptisch stand ich aber zu Beginn schon da und war mir nicht sicher, wie das wohl werden würde. Aber beim flanieren durch die Sebastianstraße fielen mir doch schon gleich ein paar Menschen auf, die sichtlich gerührt und auch ein wenig aufgeregt waren. Nach einer Weile dachte ich mir, wie schön es doch ist, dass sich so viel Menschen wie damals nun hier treffen und dem symbolischen Mauerfall oder besser gesagt -flug entgegenfieberten. Kurz bevor es los ging konnte man sehen, dass es niemand noch kaum erwarten konnten. Alle beobachteten neugierig die Ballons und den Himmel. Alle warteten gemeinsam auf dieses eine Ereignis. Als dann die Ballons endlich brav nacheinander in die Luft stiegen, da waren alle ganz gefesselt und gebannt. Meine Freundin und ich fingen sogar an den hochsteigenden Ballons wie kleine Kinder hinterherzulaufen. Wir hatten es gar nicht bemerkt, aber plötzlich waren wir total im Fieber. Einige Menschen fielen sich in die Arme und gratulierten sich gegenseitig. Für ein eine halbe Stunde war Berlin komplett vereint, alle Gedanken waren gebündelt, es flossen Tränen, die Menschen dachten an ihre persönlichen Mauermomente vor 25 Jahren und waren dankbar, dass sich die Zeiten geändert haben. Hier und da wurde Sekt ausgeschenkt und am Ende waren alle glücklich und zogen zufrieden von dannen. Ja, es hat sich gelohnt. Es war sehr bewegend und plötzlich war man mittendrin und froh neben einem der Ballons gestanden zu haben.

Auf dem Heimweg bin ich über ein paar Grabkerzen gestolpert. Ich musste kurz innehalten. Vor einem Haus aufgebaut gaben sie den Anschein jemand gedenke verlorenen Angehörigen, die es an dieser Stelle damals nicht lebendig über die Mauer geschafft haben. Auch solche Momente gab es auf dem Fest, das nicht nur dem Feiern diente, sondern eine angenehme Nachdenklichkeit bei den Besuchern geschaffen hatte.

Mein heutiges Mauererlebnis

Ja, ich hätte es nicht gedacht, aber auch bei mir gab es heute einem Moment, in dem ich einem abstrusen Heulkrampf verfiel. Nachmittags sah ich mir eine der tausende Dokumentationen über den Mauerfall im Fernsehen an. Es ging um einen Grenzpunkt hier in Berlin. Ein ehemaliger ostdeutscher und zwei ehemalige westdeutsche Grenzbeamte erzählten davon, wie so eine Ausreise von statten ging, wie sich die beiden Parteien an den Grenzen verhielten, wie Kontrollen aussahen. In den letzten 30 Sekunden der Doku wurden dann die westdeutschen Grenzbeamten gefragt wie der 9. November von statten ging. Sie erzählten, dass ein schwarzer Benz zur Grenze auffuhr, die Leute darin kurbelten die Fenster runter und riefen: „Macht die Grenze auf, die Trabis kommen!“. Die Grenze wurde so weit geöffnet wie möglich und man erwartete einen großen Ansturm von Ostberlinern, die in den Westen reisen wollten. Stattdessen kam ein einziger Trabi auf die Polizisten zugefahren. Kurz vor den Grenzhäuschen blieb der Trabi plötzlich an einer weißen Linie, die die exakte Grenze zwischen Ost und West beschreiben sollte, stehen und hielt inne. Die Westdeutschen winkten ihn zu sich herüber, riefen „Komm, komm rüber! Es ist offen!“, aber der Trabifahrer traute sich nicht. Vor im war zwar nur eine einfache weiße Linie auf dem Boden, aber für ihn war es noch immer noch eine unüberwindbare große Mauer. Er hatte Angst, die Grenzöffnung könnte doch nur ein Versehen sein oder er hätte etwas falsch verstanden und er könnte nun beim Überfahren der Linie erschossen werden. Irgendwann traute er sich dann aber doch und wurde mit offenen Armen empfangen. Und danach kam endlich der angekündigte Ansturm.

Eine weiße Linie hat vor 25 Jahren den Menschen so viel Angst und Schrecken eingejagt, dass sie sich nicht getraut haben sie zu überqueren und um ihr Leben fürchten mussten. Ein Staat hat lieber seine Bürger getötet, als sie in den Westen zu entlassen. Ein Gedanke, den ich nicht fassen kann und der mich noch immer völlig überwältigt. Ich bin froh, dass die Mauer heute „in die Luft gegangen“ ist, dass diese Bürde von uns abgefallen ist und wir heute gemeinsam unsere Erinnerungen in die Weite schicken konnten.

Und was bleibt wenn die Luftballons weg sind?

Die Geschichten der Menschen, die den Mauerfall miterlebt haben. Speziell die Geschichten der heutigen Ballonpaten und noch ein paar Infos zum Ereignis findet man auf fallofthewall25.com

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