Einen ganzen Abend hat die Berliner Kunstszene am 14. Februar 2014 Yoko Ono gewidmet und zwar im between you an me in Mitte. Acht unterschiedliche Personen haben sich je einer Idee der Kunstikone angenommen und deren Aufträge eigens interpretiert an diesem Abend zur Schau gestellt.

Ich muss zugeben, dass ich mich auf meinem Weg zur Galerie bei Freunden zuerst erkundigt habe, wie es denn so wär und diese waren ja etwas skeptisch und flüsterten ins Telefon »Kann grad nicht ehrlich reden, bin mitten in einer Performance – geht so, wa? Naja, kannst schon vorbeikommen, verpasste aber auch nüscht …«. Nun gut, ob ich jetzt mein Feierabendbier in ner verrauchten Kneipe trinke oder in nem verrauchten Ausstellungsort – also hin. Und froh war ich über die Entscheidung, als ich dieses viel zu heruntergekommene, aber wunderbare Gebäude in der Wallstraße entdecken durfte. Wie in vergangenen Zeiten kam ich mir vor, die Wendeltreppe musste leider ihr halbes Dasein bereits aufgeben und die Fenster waren schon seit 20 Jahren nicht mehr geputzt, aber es schien wohl einst ein Palast gewesen sein und gemunkelt wurde, dass sich der Saal zu seinen Zeiten lediglich mit einem Eisenwarenhandel schmückte – wer mich eines besseren belehren kann, immer her damit – ist doch einfach unglaublich.

Nun gut, zurück zu Yoko. Einmal durch den Raum gelaufen, der gefüllt war mit sich unterhaltenden Bohèmes gingen die einzelnen Projekte ein klein wenig unter, bzw. ich war etwas spät dran, habe ein paar Performances eben schon verpasst und fand einfach nicht überall Ruhe und Zugang. Und die eine Sache, die gerade noch lief ging etwas im Stimmengewirr unter … So ist es eben manchmal, wenn man von A nach B hetzt und nirgends richtig ankommt. Und somit hab ich mich erstmal meinem Bier und meinen Freunden gewidmet und auf die letzte Performance gewartet.

Lars Eidinger war angekündigt mit Yokos »Cut Piece«  (1965) und als dieser auf die Bühne trat und plötzlich alle Stimmen verstummten und die Besucher gebannt auf das Europaletten-Podest starrten war klar, dass große Erwartungen im Raum stehen. Der Deal: Jeder Zuschauer darf mit Hilfe einer Stoffschere ein Stück von Lars Eidingers Kleidung abschneiden und sofern irgend möglich mitnehmen. Der Bart und die Extremitäten bleiben verschont und jeder ist eben nur ein mal dran. Die Menge war gespannt, die Kuratorin machte den ersten Schnitt und fix ging es los, eine kleine Schlange bildete sich und wohl überlegt suchte sich jeder ein Stückchen aus und schnippelte es sich weg. Besonders schön dabei der Tiefe Blick, den Eidinger seinen Teilnehmern mit seinen stahlblauen Augen freundlich aber bestimmt entgegenwarf, der da sagte: »Wir sind Freunde – also tu mir nichts«

Die Begeisterung war jedenfalls groß, ein Meer von Smartphones wurde über die Köpfe der Zuschauer gehalten, jeder wollte ein Bild, ein Video, ein kleines Stück Erinnerung, neben dem greifbaren Stück Stoff, für sich ergattern. Der ein oder andere Regelbrecher war natürlich auch dabei, aber die Menge stellte sich schützend um Eidinger, buhte sofort aus, wenn sich ein angetanes Mädchen eine Strähne seiner Haare ergattern wollte. Und so wurde Eidingers Anzug immer luftiger, bis er zuletzt in Unterhose im Zentrum des Raums stand, noch immer seelenruhig den nächsten Schneider erwartend. Aber die Menge hat sich einfach nicht getraut. Im Gegenteil sogar! Eine Mütze wurde dem armen Kerl in dem unterkühlten Raum aufgesetzt. Irgendjemand lieh ihm sogar seinen Mantel, den er sich wehrlos umlegen ließ. Ein wenig zögerlich wurden an Ende noch 3 qcm des letzten Stück Stoffs um seine Lenden abgezwickt, aber dann wurde es den Berlinern doch zu heiß. Nach etwas Pause brach Eidinger die Performance ab und vielleicht blieb der ein oder andere enttäuscht zurück, aber mei, wir sind halt heute alle einfach arg brav geworden.

Am Ende war es eine gelungene (vermutlich) halbe Stunde, die mit so wenigen Mitteln so viel Fantasie anregte, Fragen aufwurf und schöne Beobachtungen einer erregten Menge zuließ. Der Besuch hatte sich also doch noch gelohnt und gut gelaunt tranken wir noch ein letztes Getränk, um dann diesen faszinierenden Ort zurückzulassen, der (leider) bald seine unergründlichen Geschichten in einer Renovierung lassen wird.

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