Gerade bin ich an einer PasteUp-Galerie am Görlitzer Park vorbeigelaufen. Welch schöne Idee, dacht ich mir, die abgerockten Wände um unseren etwas versifften Park mit Fotografien auszustatten. Also bin ich gleich rübergelaufen und war nicht überrascht, als ich direkt bei dem Projekt »Container« von Anna Simone Wallinger gelandet bin. 2009 ist die Serie von ihr entstanden, als sie sich drei Monate mit Familien in einer Flüchtlingsauffangstation beschäftigt und mit ihnen gemeinsam die entstandenen Bilder erarbeitet hat.

Daneben fand ich folgenden Text der Fotografin:

»Container (2009)

Die zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge und Asylsuchende in Berlin ist eine Wohncontainersiedlung, die sich in einem Industriegebiet vor Spandau befindet. In der Umgebung gibt es keine soziale Infrastruktur, weder für Erwachsene noch für Kinder. 
Das Leben der Flüchtlinge beschränkt sich zumeist auf den Aufenthalt im Wohncontainer. 
Bis das Asylverfahren entschieden ist, leben sie im Ungewissen. Sie dürfen keinen Sprachkurs beginnen, nicht selbst kochen, keiner Arbeit nachgehen. Sie haben keine Möglichkeit anzukommen. Abschiebung, der Transfer in ein anderes Wohnheim oder in eine eigene Wohnung sind jederzeit möglich. 
Über einen Zeitraum von drei Monaten baute ich Kontakt zu elf Bewohnern und ihren Familien auf und entwickelte gemeinsam mit ihnen ein Projekt, das ihre Lebenssituation sichtbar machen sollte. Mit jeder Person oder Familie verbrachte ich zwölf Stunden im Wohncontainer, die Kamera befand sich immer am gleichen Ort, die Beteiligten kannten den Bildausschnitt. In diesem vordefinierten Raum inszenierten sie sich selbst und gaben mir ein Zeichen, sobald sie für eine Aufnahme bereit waren.
So entstanden Momentaufnahmen, die sich zwischen Ohnmacht und Strategien zur Selbsthilfe, Ausnahmezustand und Alltag bewegen und immer das Anliegen der Protagonisten wiedergeben.

Die Arbeit präsentiert sich in Form einer Installation – als analoge Diaprojektion von 2 x 40 Bildern in einer eigens dafür gebauten Box. Eine Raumerfahrung, die den Betrachter in die Lebenssituation eines Flüchtlings versetzt.«

Nicht, dass wir diese Probleme nicht schon lange hätten, aber in den letzten Monaten kristallisiert sich das, was wir seit Jahren nur vom Hörensagen kennen in erbarmungslose Tatsache: In vielen Ländern brodelt es, die Nachrichten sind voll mit Geschichten erbarmungslosen Verhaltens von Gruppierungen, die denken, dass sie »bessere Menschen« wären, für ihre »Rasse« oder ihre Religion in den Kampf ziehen müssen und andersartige Menschen unterwerfen, foltern oder töten müssen. Die Motive sind uns bekannt, die Gedanken nicht nachvollziehbar. Ich will mir nicht ausmalen mit welcher Panik und welchen Todesängsten Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um in Europa Schutz zu finden vor dem, was sie von ihrem Zuhause und oft auch ihrer Familie vertreibt. Sie lassen alles zurück, nehmen den langen und gefährlichen Weg auf sich, in der Hoffnung das alles besser wird.

Uwe-Karsten Heye, Vorstandsvorsitzender von »Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.« redet im Interview des Berliner Ratschlags für Demokratie von einer Fluchtbewegung in Ausmaßen, die wir so bisher nicht kennen, die wir aber dennoch bewältigen müssen. Er fordert auf sich mit den eigenen Ängsten, die sich zunehmend aus Berichten aus Krisengebieten ergeben, auseinander zu setzen, die zu hinterfragen und nicht zu Fremdenfeindlichkeit werden zu lassen.

Gesetzgebung und Regelungen in unserer Flüchtlingspolitik

Die Flüchtlinge, die momentan in Deutschland und Berlin ankommen haben auch Angst, Angst abgeschoben zu werden, in unserem Bürokratenstaat als Nummer unterzugehen und nicht als Mensch gesehen zu werden. Sie haben nichts mehr zu verloren, alles was sie besaßen, wurde ihnen bereits genommen. Deshalb wundert es nicht, dass sie mit Protestaktionen und allen Wegen und Mitteln auf ihre Lage aufmerksam machen wollen. Die letzten zwei Jahre war der Oranienplatz mit einem Camp besetzt, die mit einen Informationsstand versuchten ihre ausweglose Lage an die Öffentlichkeit zu bringen, die Gerhard-Hauptmann-Schule wurde für rund zwei Jahre besetzt und kam durch extrem hohes Polizeiaufgebot, Selbstmorddrohungen und wochenlange Demonstationen wegen Zwangsräumung in die Medien, der Fernsehturm wurde im Sommer besetzt, Mitte Oktober die Thomas-Kirche und nun letzte Woche auch der DGB in Schöneberg, in dem wir noch kurz zuvor ein Interview mit Doro Zinke zur Flüchtlingsproblematik geführt haben. Und das sind nach kurzer Recherche im Internet nur die Eisspitzen, die mir persönlich täglich in Kreuzberg begegnen.

Es wird nicht besser, es werden nicht weniger und wir müssen anfangen uns damit zu arrangieren unser im Frieden lebendes und ökonomisch gut gestelltes Land mit Menschen in Not zu teilen. Es wird sicherlich nicht einfach werden, gerade wenn die Situation nahe kommt und nicht mehr Schatten der Anonymität verweilt, aber wir müssen Solidarität zeigen für Menschen, die in einer Lage sind, die unsere Eltern und Großeltern vor rund 70 Jahren selbst miterlebt haben.

Fakt ist, dass es momentan drei stumpfsinnige und viel zu kurz gedachte Regelungen gibt, die es den Flüchtlingen immens erschwert sich in ihrer neuen Umgebung zurecht zu finden und es den Einwohnern in Deutschland wiederum erschwert sich mit dem momentan Flüchtlingsstrom anzufreunden.

1. Residenzpflicht: Einzig in Deutschland dürfen sich Asylbewerber und Geduldete nur in einem bestimmten von der zuständigen Behörde festgelegten Bereich aufhalten. Somit können sich Asylbewerber innerhalb Deutschlands nicht frei bewegen, sie dürfen keine Familienangehörigen besuchen, können nicht ihren Anwalt ohne Verlassenserlaubnis besuchen, der sich vielleicht in einem anderen Landkreis aufhält. Sie werden genau gesagt ohne eigenes Verschulden in einem definierten Bereich festgehalten und können mit eigenen Anstrengungen nichts dagegen tun. Verlassen sie dennoch ihren Bereich und werden dabei von der Polizei erwischt, werden sie angezeigt und erhalten aufgrund einer opferlosen Straftat eine Vorbestrafung.

2. Arbeitsverbot: Flüchtlinge dürfen in Deutschland solange ihr Status ungeklärt ist keine Arbeit annehmen. Damit sind sie finanziell extrem eingeschränkt, können sich kein Monatsticket leisten um ihre Kinder in die Schule zu begleiten und dank der Residenzpflicht sind sie damit verdonnert ihren kompletten Alltag mehr oder weniger in ihrer Unterbringung zu verbringen. Viele von ihnen sind gezwungen schwarz zu arbeiten oder gar mit Drogen zu dealen. Wir sehen sie dann als Kleinkriminelle an, dabei geben wir ihnen gar keine andere Möglichkeit in unserem Land.

Viele der Flüchtlinge, die zu uns kommen sind Fachkräfte, die hier in Deutschland sogar dringend benötigt werden. »Es ist unehrlich, wenn man vom Fachkräftemangel redet und ein Arbeitsverbot auferlegt« meinte vor kurzem ver.di Landesbezirksleiterin Susanne Stumpenhusen in einem Interview des BRfD.

3. Gemeinschaftsunterbringung: Flüchtlinge dürfen nur in Gemeinschaftsunterkünften eingeteilt werden. Das bedeutet, dass mehrere duzend, manchmal sogar hunderte hilfesuchende Menschen zusammengepfärcht auf engstem Raum untergebracht werden. Ohne Busticket und Geld, um ab und an wegzufahren, sitzen sie dort aufeinander, haben keine Möglichkeit ihre ersten Brocken Deutsch einzusetzen, haben keine Chance sich in Deutschland zu integrieren, andere Menschen kennenzulernen, ihre Kinder mit deutschen Kindern spielen zu lassen und sind schlicht und einfach leichter angreifbar, wie das jüngste Beispiel in NRW – Flüchtlinge wurden dort in einer Gemeinschaftsunterkunft von Sicherheitsleuten gefoltert und die Bilder erinnern an Bilder aus Gefangenenlagern – gerade alamierend zeigt.

Wie solche Gesetze zustande kommen ist mir ein völliges Rätsel, bisher scheint es so als würde die Politik nur die aktuelle Legislaturperiode weit denken. Langfristig werden uns diese 3 Regelungen jedenfalls nicht das Leben erleichtern und die Situation nur unnötig verschärfen.

Eine der wenigen Politikerinnen, die dazu eine klare Linie fährt, konkrete Aussagen zur Flüchtlingsproblematik äußert und nachdrücklich Forderungen zur Besserung dieser Situation aufstellt ist Petra Pau. Damit macht sie sich sicherlich nicht immer Freunde. Ich will hier keine Werbung für sie machen, aber in folgendem Interview sind ein paar sehr klare Gedanken zur Flüchtlingspolitik zusammengefasst:

Wie kann man sich engagieren?

Wer helfen möchte, der hat viele Möglichkeiten, dies zu tun. Jeder sollte das beitragen, was in seinen Möglichkeiten steht.

Beispielsweise kann man sich nach einem Ehrenamt erkundigen. Kurzes googeln hilft schon. Was ich sehr interessant finde ist das Mentorenprogramm für minderjährige Flüchtlinge, die teilweise ohne ihre Familien hier in Deutschland ankommen, die Sprache nicht beherrschen, sich in unserem Behördenstaat nicht zurechtfinden, keine Bezugsperson mehr haben und dadurch meist ein Trauma nach dem Trauma erleben.

Auch der Flüchtlingsrat Berlin sucht weiterhin nach Unterstützung in Form von Spenden oder ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Aktion Mensch bietet eine Freiwilligen-Datenbank, in der man nach Projekten suchen kann, die zu einem passen.

Oder man beteiligt sich an einer Demonstration, hilft beim Aufbau, verteilt Flugblätter. Ich kann mir vorstellen, dass es auch schon hilft den Neuankömmlingen mit einer kleinen Geste zu zeigen, dass man sie Willkommen heißt. Ein nettes Wort, ein kleines Lächeln. Was man sich eben selbst zutraut.

Ich glaube nicht, dass es einfach wird den Flüchtlingsstrom zu bewältigen, das Thema wird uns noch näher kommen als uns lieb ist, aber wenn die Politik endlich die Gesetzgebung dahingehend ändert, dass Flüchtlingen die Integration in Deutschland erleichtert wird und wir alle ein wenig von unserem Wohlstand in den Pott werfen und zu teilen lernen und den offenen Dialog anstreben, dann können wir gemeinsam Lösungen für die Problematiken finden, die der Flüchtlingsstrom mit sich bringen wird.

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